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Georg K. Glaser - Leben und Werk

Der Beginn von Glasers Schreiben fällt in die Endphase der Weimarer Republik. Seine Erzählung Schluckebier (Berlin, Wien: Agis-Verlag 1930) ist ein von autobiographischen Erfahrungen geprägter Text, der von Vagabundenleben und Fürsorgeanstalten berichtet. Die Metaphern von Hoffnung und Aufstand (die in den sporadischen literarhistorischen Kommentaren zu der Erzählung hervorgehoben werden) sind gegen ein Stärkeres gesetzt: Beschrieben wird die Erziehung einer Generation zu Gefolgsleuten und Parteisoldaten. Die an den frühen Jeremias Gotthelf erinnernde Erzählung ist vordergründig einzuordnen in die Literaturbewegung des "Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller", deren Mitglied Glaser war, doch Schluckebier (und die anderen frühen Erzählungen, erschienen in der "Frankfurter Zeitung", in der "Deutschen Republik" oder in der "Linkskurve") zeugen zugleich von einer literarischen Bildkraft, die trotz der Nähe von Erlebnis- und Erzählperspektive alle politische Indienstnahmen sprengt. Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Anna Seghers gehörten zu den frühen anerkennenden Lesern des Buches.

Geheimnis und Gewalt (Basel, Lausanne, Zürich 1951), ein romanhafter Bericht mit autobiographischen Zügen, ist Glasers Hauptwerk und zählt stofflich wie stilistisch zu den wichtigsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur. In der an der Lutherbibel geschulten Sprache eines Autodidakten wird die Lebensgeschichte eines Mannes entworfen, der die Entwicklung zweier totalitärer Bewegungen erfährt und zu verstehen beginnt. Die Schilderung von Hungerjahren, Vagabundenleben, Erziehungsheim und Gefängnis, von Flucht, Soldatenleben und Frontstraflager umspannt das historische Panorama der ersten Jahrhunderthälfte: Jugendbewegung, Weimarer Kommunismus, Fraktionskämpfe im Exil, vor allem aber eine Wanderung in den nationalsozialistischen Alltag - in Glasers Worten ein Versuch, das "brüllende Geheimnis des tollen Erfolges der Gewaltschleicher" zu ergründen.

In Glasers einzigem Drama, einem Passionsspiel um den Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe (im Drama: Van der Leiden), aus dem Alfred Andersch 1956 zwei Akte in seiner Zeitschrift "Texte und Zeichen" veröffentlichte, ist die Figur des Einzelgängers gegen eine Welt von Parteisoldaten gestellt. Von zwei verschiedenen Lagern aus (dem der Nazis in Leipzig und dem einer selbsternannten "Volksfront" in London) wird ihm der Prozess gemacht mit dem Vorwurf, Werkzeug der je anderen zu sein. Van der Leidens Schweigen ist, so Glaser, sein letztes Mittel "um zu beweisen, daß er allein war". Ein andere, komplementäre Figur des Einzelgängers in totalitären Systemen gestaltet Glaser später in seiner Erzählung Die Geschichte des Weh (Düsseldorf: Claassen 1968).

Fünfzehn Jahre lang hat der im Pariser Exil gebliebene Autor, der nach dem Erfolg von Secret et Violence 1952 eine eigene Werkstatt gründete und eine Existenz als Kunstschmied aufbaute, an der Fortsetzung von Geheimnis und Gewalt gearbeitet. In Jenseits der Grenzen. Betrachtungen eines Querkopfs (Düsseldorf: Claassen 1985) werden, beginnend mit der Befreiung aus der deutschen Kriegsgefangenschaft und der Erkenntnis, nicht zu den "Siegern" zu gehören, die Jahre des Nachkriegs in Frankreich geschildert. Neben der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Bewegung ist es vor allem ein Buch der Arbeit und des Handwerks; in seinem Kunsthandwerk findet Glaser die Gegensätze zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Entfremdung, zwischen Kopf- und Handarbeit aufgehoben. Seine Erzählweise wird metaphernreicher, artifizieller und verschlossener; er erzählt "in Volumen", widerspricht gewohnten Bildern und verweigert sich autobiographischen Mustern, Enthüllungen wie Stereotypen.

Glasers Werk, dessen literarische Qualität für sich selbst zeugt, aber auch von Autoren wie Anna Seghers, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer bis zu Günter Kunert und Peter Härtling unterstrichen wurde, hat seinen monolithischen Charakter behalten. In den letzten Jahren seines Lebens ist er durch Würdigungen (Ehrengabe der Schillerstiftung Weimar, Pfalzpreis für Literatur u. a.), Lesungen und Kontakte zu jüngeren Autoren ein Stück weit in die deutsche literarische Öffentlichkeit zurückgekehrt, vergleichbar mit dem Schriftsteller Hans Sahl, der 1989 von New York nach Tübingen übersiedelte. 1998 wurde der Literaturpreis des Landes Rheinland-Pfalz nach Georg K. Glaser benannt; in diesem Jahr ist er zum dritten Mal verliehen worden. Glaser und sein Werk stehen für jenen Teil der Exilliteratur, die von der Wiederentdeckung lange ausgeschlossen blieb, zum einen als Literatur eines unzeitgemäßen Antistalinismus, zum andern als Autor, der sich, stärker als andere, in seiner neuen Heimat assimilierte. Sein französischer Freund Gérard Laballe sagte in seinem Nachruf: "Georges war nicht nur ein engagierter Zeuge unserer Geschichte, sondern ein wirklicher Revolutionär im wahrsten Sinne des Wortes: ohne metaphysische Theorie, ohne politisches System, ein wirklicher Anarchist auf der Suche nach einer Definition des Menschen, des verantwortungsvollen, freien Menschen".